Mehrweg in Hotellerie und Gastronomie: Warum auch die Warenlogistik zählt

9 Minuten Lesezeit
Mehrwegangebotspflicht in Hotellerie und Gastronomie: Neben Bechern und Take-away-Boxen rückt zunehmend auch die Verpackungslogistik in Warenannahme, Lager und Rückversand in den Fokus. Bild: Albert Gr. auf Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Seit Januar 2023 gilt in Deutschland die Mehrwegangebotspflicht: Restaurants, Cafés, Caterer und viele Hotels müssen Speisen und Getränke zum Mitnehmen auch in Mehrwegbehältern anbieten. Die Debatte um diese Regelung beschäftigt die Branche seitdem – doch zwischen gesetzlicher Vorgabe und gelebtem Alltag liegt weiterhin eine spürbare Lücke. Gleichzeitig gerät ein zweites Mehrwegfeld kaum in den Blick: die Waren- und Lieferlogistik hinter den Kulissen, von der Warenannahme bis zum Versand von Technik und Ersatzteilen. Auch dort entscheidet sich, wie viel Verpackungsabfall ein Betrieb tatsächlich verursacht.

Mehrwegpflicht für Speisen und Getränke: Wo Hotellerie und Gastronomie stehen

Die Mehrwegangebotspflicht verpflichtet Betriebe, ihren Gästen bei To-Go-Geschäft eine Mehrwegalternative anzubieten, die nicht teurer sein darf als die Einwegvariante. Ausgenommen sind lediglich sehr kleine Betriebe unter bestimmten Flächen- und Mitarbeitergrenzen, auch für sie gilt jedoch eine Befüllpflicht: Mitgebrachte Behälter der Gäste müssen auf Wunsch befüllt werden. Die praktische Umsetzung fällt in vielen Häusern allerdings schwer.

Konkrete Zahlen liefert ein Bericht des WWF zu Mehrweg in der Hotellerie: 2022 wurden im deutschen Gastronomiesektor rund 13,7 Milliarden Verpackungen verkauft, nur 0,74 Prozent davon waren Mehrweglösungen. Im Hotelsektor lag der Mehrweganteil 2022 bei lediglich 1,2 Prozent aller Verpackungen. Eine WWF-Folgestudie, die ein Jahr Mehrwegangebotspflicht in der deutschen Gastronomie bilanziert, zeigt für 2023 nur geringe Fortschritte: Die Mehrwegquote lag in der Gastronomie bei 1,5 Prozent, im Hotelsektor bei 1,7 Prozent und im Cateringsektor bei 4 Prozent. In Hotellerie, Gastronomie und Catering dominiert Einweg damit weiterhin den Alltag.

Diese Werte betreffen ausschließlich den Gästeservice – also Becher, Schalen und Boxen, die an Gäste ausgegeben werden. Sie sagen nichts darüber aus, wie Lieferungen, Zubehör, technische Komponenten oder interne Transporte in den Betrieben verpackt sind. Genau hier setzt ein Thema an, das in der Hospitality-Diskussion bislang eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl dort täglich erhebliche Mengen an Kartonagen, Folien und Füllmaterial anfallen.

Ein zweites Mehrwegfeld: Warenlogistik und Zulieferkette

Hotel- und Gastronomiebetriebe sind nicht nur Anbieter, sondern auch Empfänger von Warenströmen. Lebensmittel, Reinigungsmittel, technische Geräte, Ersatzteile für Haustechnik, Veranstaltungsequipment oder empfindliche Komponenten wie Steuerungs- und Sensortechnik werden geliefert, zwischengelagert, intern transportiert und teilweise retourniert. Viele dieser Wege können in Einwegkartons, Folien und Füllmaterial ablaufen – oft für Produkte, die wiederholt zwischen denselben Partnern bewegt werden.

In der industriellen Fertigung ist das anders organisiert: Dort kommen seit Jahren Mehrwegtransportverpackungen zum Einsatz, die für wiederholte Umläufe ausgelegt sind und empfindliche Teile zuverlässig schützen. Typische Anwendungen sind etwa elektronische Bauteile, Spritzgussteile, Dreh- und Feinwerkteile, elektrische Steckverbindungen, Sensoren oder vormontierte Baugruppen. Die Logik dahinter lässt sich auf die Lieferkette von Hotels, Gastronomie und Catering übertragen – etwa dort, wo ein Zulieferer regelmäßig denselben Betrieb beliefert und Leerverpackungen ohnehin zurückgenommen werden. Ob das im Einzelfall sinnvoll ist, hängt allerdings von konkreten Bedingungen ab, nicht vom guten Willen allein.

Gerade größere Hotelgruppen, Systemgastronomie und Cateringbetriebe mit zentralen Warenströmen verfügen über genau jene Voraussetzungen, die Mehrwegsysteme brauchen: feste Lieferanten, wiederkehrende Strecken, planbare Mengen. Wer hier Einweg durch wiederverwendbare Behälter ersetzt, reduziert nicht nur Abfallaufkommen, sondern oft auch Schäden an empfindlichen Gütern – etwa bei Glastechnik, elektronischen Komponenten der Gebäudeautomation oder hochwertigem Equipment für Veranstaltungen.

Worauf es bei robusten Mehrwegtransportverpackungen ankommt

Wer Mehrweg in der Warenlogistik prüfen will, sollte die Verpackung nicht pauschal als „nachhaltig“ abhaken, sondern entlang klarer Kriterien auswählen. Relevant sind insbesondere:

  • Material und Folienstärke: Kunststoffe wie Polystyrol (PS), ABS oder A-PET unterscheiden sich in Stoßfestigkeit, Temperaturbeständigkeit und Gewicht. Je nach Transportgut sind unterschiedliche Folienstärken sinnvoll.
  • Mechanische Belastbarkeit: Die Verpackung muss wiederholte Transport- und Stapelsituationen aushalten, ohne das Schutzgut zu gefährden.
  • Besondere Anforderungen: Für elektronische Komponenten gibt es dissipative beziehungsweise leitfähige (ESD-)Ausführungen, die empfindliche Bauteile vor elektrostatischer Entladung schützen.
  • Technische Sauberkeit: Bei empfindlichen Teilen spielt definierte Sauberkeit eine Rolle; nach der Norm ISO 16232:2018 lassen sich entsprechende Sauberkeitsklassen festlegen.
  • Rücknahme, Reinigung und Lagerung: Ohne organisierten Rücklauf, passende Reinigungsprozesse und Lagerfläche bleibt jede Mehrweglösung Theorie.

Ein Beispiel ist die Spezi-Pack Karl Spethmann GmbH aus Klingenberg, ein spezialisierter Hersteller für robuste Mehrwegverpackungen aus PS, ABS und A-PET in verschiedenen Folienstärken, darunter auch leitfähige Varianten. Nach nicht unabhängig geprüften Anbieterangaben sind Verpackungen in der Sauberkeitsklasse H nach ISO 16232:2018 mit dem Material A-PET möglich. Solche Angaben zeigen, woran sich Anbieter im industriellen Bereich messen lassen – sie sind jedoch als ein Beispiel unter mehreren zu verstehen und ersetzen keine individuelle Prüfung durch den Anwenderbetrieb.

Nachhaltigkeit und Kosten hängen vom System ab

Mehrweg ist nicht automatisch umweltfreundlicher. Eine Analyse der Beratungsgesellschaft BCG zeigt, dass Mehrweglösungen unter idealen Bedingungen bis zu 75 Prozent weniger Abfall ermöglichen können. Voraussetzung dafür sind jedoch mindestens etwa zehn Umläufe je Behälter sowie eine hohe Rücklaufquote: Klassische Pfandsysteme erreichen demnach rund 80 Prozent Rücklauf, digitale Systeme bis zu 99 Prozent. Diese Werte sind als Orientierung zu verstehen – ob sich eine wiederverwendbare Verpackung ökologisch und wirtschaftlich rechnet, hängt im Einzelfall von der Zahl der tatsächlich erreichten Umläufe, der Rücklaufquote und dem Aufwand für Transport, Reinigung und Lagerung ab. Eine hochwertige, schwere Mehrwegverpackung, die nur wenige Male genutzt wird oder aufwändig zurücktransportiert werden muss, kann in der Bilanz schlechter abschneiden als eine einfache Einweglösung aus recycelbarem Material.

Diese Grundsätze gelten gleichermaßen für Becher im Gästeservice und für Transportverpackungen in der Warenlogistik: Je stabiler die Lieferbeziehung, je kürzer die Wege und je zuverlässiger die Rückführung, desto eher zahlt sich Mehrweg aus. Die Anfangsinvestition in robuste Behälter amortisiert sich erst über wiederholte Nutzung, geringere Entsorgungskosten und vermiedene Transportschäden. Betriebe sollten daher vor einer Umstellung eine ehrliche Bestandsaufnahme machen: Wie viele Umläufe pro Jahr sind realistisch? Wer übernimmt Reinigung und Lagerung? Und wie wird der Rücklauf organisiert – über Pfand, Rahmenverträge oder feste Abholrouten?

Auch die Kommunikation spielt eine Rolle: Zulieferer und Dienstleister müssen in das System eingebunden werden, damit Behälter tatsächlich zurück in den Kreislauf gelangen. In der Praxis bewährt sich häufig ein schrittweiser Einstieg mit einem Pilotprojekt auf einer einzelnen Warenstrecke, bevor das System auf weitere Lieferbeziehungen ausgeweitet wird.

Was Hospitality-Betriebe aus der Warenlogistik mitnehmen können

Für Hotels, Gastronomie und Catering lohnt daher ein strukturierter Blick über die To-Go-Debatte hinaus. Ein pragmatischer Einstieg gelingt in vier Schritten:

  1. Transportgut und Schadensrisiko erfassen: Welche Waren werden regelmäßig geliefert, zwischengelagert oder retourniert – und wo entstehen heute Schäden oder übermäßig viel Verpackungsabfall?
  2. Umlauf und Rücklauf prüfen: Gibt es feste Lieferantenbeziehungen mit wiederkehrenden Strecken? Wie ließe sich eine Rücknahme der Verpackungen organisieren, und wie viele Umläufe wären realistisch?
  3. Prozesse klären: Wo können Behälter gereinigt, gelagert und bereitgestellt werden? Passt das in die bestehende Warenannahme und Haustechnik-Logistik?
  4. Anforderungen definieren: Welche Materialien, Belastbarkeiten und gegebenenfalls Sauberkeits- oder ESD-Anforderungen muss die Verpackung erfüllen – und welcher Anbieter kann das belegen?

Die Mehrwegangebotspflicht für Speisen und Getränke hat die Branche für das Thema Verpackungen sensibilisiert. Wer die Perspektive jetzt auf die gesamte Lieferkette erweitert, erkennt: Nachhaltigkeit in Hotels und Restaurants endet nicht am Gästetresen. Sie beginnt oft schon dort, wo die Ware ins Haus kommt – und entscheidet sich daran, ob Systeme sauber geplant sind, statt nur gut gemeint zu sein.

Quelle: Partnerbeitrag, 21.09.2026

Klicken Sie hier, um diesen Beitrag zu bewerten!
[Total: 0 Average: 0]
Diesen Artikel teilen