Milchkiosk im Harz entdeckt – eines der letzten Exemplare

Den Jüngeren wird der Name Milch- oder Pilzkiosk unbekannt sein. Obwohl das typische Kioskgebäude in Form eines Fliegenpilzes in den 1950er Jahren das Bild vieler Städte prägte. Die kleinen Hütten wurden ursprünglich für den Absatz von Milch und Milchprodukten als „Milchpilz“ entwickelt.

Zwei der wenigen noch vorhandenen Exemplare weltweit finden sich im Harz. Einer in Bad Sachsa in der Hindenburgstraße. Ein zweiter in Bad Harzburg neben dem Radauer-Wasserfall. Allerdings befindet sich der letztgenannte in einem weitaus schlechteren Erhaltungszustand.

Milchkiosk Radauer Wasserfall
Schlecht erhalten, der Milchkiosk am Radauer Wasserfall

Ein kleiner „Pilz“ wird zum Erfolgsmodell

Molkereien und ihre Erzeugnisse konkurrierten in den 1950er Jahren auch in Deutschland gegen die neuen Erfrischungsgetränke, die an jedem Kiosk angeboten wurden. Der Milch fehlte es an solchen Verkaufsstellen. Nah am Verbraucher und mit einem breiten Angebot von verschiedenen Milchprodukten sollte ein eigener Milchkiosk diese Lücke schließen.

Das erste Kioskhäuschen in Fliegenpilzform präsentierte die Hermann Waldner KG aus Wangen im Allgäu bei der Tagung der „Großstädtischen Milchversorgungsbetriebe“ im Mai 1952 in Bayreuth. Da ein solcher Milchkiosk einen sehr hohen Wiedererkennungswert haben sollte, wählte die Firma bewusst die markante Form eines Fliegenpilzes.

Pilzkiosk in Bad Sachsa
Blick auf den Pilzskiosk in Bad Sachsa (2019)

Milchkiosk in standarisierter Bauweise

Die eigentliche Konstruktion des Bauwerks war ein weiß bemalter Holz-Fertigbau. In der ursprünglichen Form wurde der Kiosk von einer flexiblen, wasserabweisenden Dachhaut aus Polyvinylchlorid (Handelsname Mipolam) überspannt. Sie hatte die charakteristische rote Farbe mit weißen Punkten. Im Lauf der farblichen und strukturellen Alterung ergab sich allerdings eine merkliche Schrumpfung dieses Weich-PVCs. Daher erhielten zahlreiche Exemplare recht schnell eine massive Dachhaut aus Metall. Diese wurden dann in vergleichbarem Stil bemalt.

Kioske in Fliegenpilzform leuchteten mit ihrer roten Kappe und den weißen Punkten als neue Verkaufsstellen den Besuchern entgegen. Die Milchkioske waren vorwiegend auf Sportplätzen, in Parks, in Schwimmbädern und in Stadtzentren anzutreffen. Milchpilze hatten ab Werk eine Gesamthöhe von etwa vier Metern und eine Dachbreite von 4,60 Meter. Der Durchmesser des Nutzraumes maß 3,15 Meter. Der „Pilz“ hatte serienmäßig vier Schiebefenster, eine Glastür, drei eingebaute Tische und vier Regale.

Einbaukühlschrank, Heißwasserspeicher mit Waschbecken, Schlagsahnezapfer und Eismaschine konnten zugekauft werden. Die übergroßen Fliegenpilze wurden bald synonym für Milchverkauf und verbreiteten sich vom Allgäu aus in der ganzen Bundesrepublik und später auch über die Grenzen hinaus.

So wurden die Pilze nicht nur in Deutschland vertrieben. Dieser wurde auch europaweit nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien, Frankreich, Belgien und nach Griechenland exportiert. Die letzte Auslieferung eines Pilzkiosks erfolgte im November 1958 nach Mannheim.

Milchkiosk dauerhaft erhalten

Das Hotel Lindenhof nutzt den Milchpilz in Bad Sachsa zu Reklamezwecken. Dieser sollte für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Dies als Denkmal für längst vergangene Zeiten.

Text- und Bildquelle: Redaktion hoga-presse