Eine kulinarische Serie über Erinnerung, Geschmack und Zugehörigkeit
Berlin ist eine Stadt der Brüche, der Übergänge und der permanenten Neuerfindung. Kaum ein Ort in Deutschland ist so stark geprägt von individuellen Biografien, unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und der Suche nach Identität wie die Hauptstadt. Genau hier setzt die neue kulinarische Serie „Wir kochen Heimat“ des Berliner Restaurants Nobelhart & Schmutzig an. Das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant, das zudem auf Platz 59 der The World’s 50 Best Restaurants geführt wird, widmet sich mit diesem Format einer ebenso einfachen wie komplexen Frage: Was bedeutet Heimat heute – und wie schmeckt sie?
Heimat als Geschmackserinnerung im modernen Berlin
Heimat ist kein klar umrissener Ort mehr, sondern ein Gefühl, das sich aus Erinnerungen, Gerüchen, Texturen und Geschmäckern zusammensetzt. Für das Team von Nobelhart & Schmutzig ist Heimat kein politisches Schlagwort und kein nostalgisches Konstrukt, sondern etwas zutiefst Persönliches. Mit „Wir kochen Heimat“ wird dieser Gedanke seit Anfang Januar in eine kulinarische Sprache übersetzt. Immer von Dienstag bis Donnerstag läuft die Serie parallel zur regulären Speisefolge und lädt Gäste dazu ein, sich über einen einzigen Teller mit ihrer eigenen Vergangenheit zu verbinden.
Die Idee hinter „Wir kochen Heimat“
Im Zentrum des Konzepts steht der Gedanke, dass ein einziger Bissen ausreichen kann, um ein Gefühl von Geborgenheit, Wärme und Einfachheit auszulösen. Kulinarischer Leiter Micha Schäfer und das gesamte Team haben sich in den vergangenen Wochen intensiv mit ihren eigenen Erinnerungen auseinandergesetzt. Dabei ging es nicht um große Inszenierungen oder technische Raffinesse, sondern um Gerichte, die tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind. So entsteht eine Serie, die das ganze Jahr über wechselnde Speisen präsentiert, jede davon mit einer eigenen Geschichte und emotionaler Verankerung.
Auftaktfolge: Heimat #1 – Kohlroulade vom Kalb
Den Auftakt macht „Heimat #1: Kohlroulade vom Kalb“, ein Gericht, das für viele Menschen unmittelbar mit der eigenen Kindheit verbunden ist. Für Micha Schäfer ist die Kohlroulade ein Essen, das an Omas Küche erinnert, an Sonntage, an Zeit und Aufmerksamkeit. Eine Umfrage auf Instagram zeigte, dass diese Erinnerung von vielen geteilt wird. Genau hier liegt die Stärke des Konzepts: Es greift etwas Individuelles auf und macht es kollektiv erfahrbar.

Regionale Produkte und handwerkliche Klarheit
Die Kohlroulade wird bei Nobelhart & Schmutzig mit Kalbfleisch vom Erdhof Seewalde zubereitet. Gewürzt lediglich mit Salz, Pfeffer, Zwiebeln und Kümmel, wird sie in blanchiertem Spitzkohl eingerollt und von einer kräftigen Kalbsjus begleitet. Dazu gibt es klassisches Kartoffelpüree, Roggensauerteigbrot vom Brotwerk von Florian Domberger sowie eine hausgemachte, gereifte Rohmilchbutter aus Sahne vom selben Hof. Diese Reduktion auf wenige, hochwertige Zutaten ist typisch für die Küche des Hauses und unterstreicht den Anspruch, Geschmack nicht zu überlagern, sondern freizulegen.
Ein kulinarisches Erlebnis mit klarer Struktur
Serviert wird das Gericht für 55 Euro pro Person. Die Kohlroulade ist dienstags bis donnerstags in zwei Sitzungen erhältlich: um 18 Uhr mit zeitlicher Begrenzung bis 20:15 Uhr sowie um 21 Uhr. Gäste haben zudem die Möglichkeit, weitere Gänge aus der regulären Speisenfolge zu bestellen und das Erlebnis individuell zu erweitern. Damit fügt sich „Wir kochen Heimat“ nahtlos in den bestehenden Restaurantalltag ein, ohne ihn zu dominieren.
Getränke als Teil der Erzählung
Auch bei der Getränkeauswahl bleibt Nobelhart & Schmutzig seinem Ansatz treu. Neben einer umfangreichen Weinkarte werden regionale Spezialitäten und alkoholfreie Alternativen angeboten. Der berühmte Apfel-Fichte-Saft gehört ebenso dazu wie der neue Fields Blend „Lemon Thyme“ vom Weingut Jürgen Leiner. Die Getränke sind nicht bloß Begleitung, sondern integraler Bestandteil des kulinarischen Konzepts, das Regionalität und handwerkliche Qualität in den Mittelpunkt stellt.
Heimat jenseits politischer Aufladung
Der Begriff Heimat ist im öffentlichen Diskurs häufig politisch aufgeladen und mit Ausgrenzung verbunden. Mit „Wir kochen Heimat“ positioniert sich das Team von Nobelhart & Schmutzig bewusst dagegen. Der Fokus liegt nicht auf Abgrenzung, sondern auf Begegnung. Geschmack wird hier als Träger von Erinnerung genutzt, als universelle Sprache, die Menschen verbindet, unabhängig von Herkunft, Biografie oder Identität. In einer Stadt wie Berlin, in der kulturelle Vielfalt zum Alltag gehört, ist dieser Ansatz besonders relevant.
Berliner Alltag und kulinarische Vielfalt
Das Konzept ist klar im Berliner Alltag verortet. Die Stadt ist geprägt von Menschen, die hier leben und arbeiten, unabhängig davon, wo ihre Wurzeln liegen. Genau diese Perspektive spiegelt sich in der Serie wider. Zwar liegt der Fokus auf hervorragenden Lebensmitteln aus der Region Berlin-Brandenburg, doch das Team versteht Heimat ausdrücklich nicht als Reinheitsgebot. Einzelne Zutaten dürfen zugekauft werden, wenn sie das Gericht sinnvoll ergänzen. Heimat wird hier als offenes, dynamisches Konstrukt verstanden.
Ein Blick über die klassische deutsche Küche hinaus
Langfristig möchte das Team den Blick über tradierte und oft stark vereinfachte Vorstellungen deutscher Küche hinaus erweitern. „Wir kochen Heimat“ soll Raum schaffen für Gerichte aus unterschiedlichen kulinarischen Kontexten, die dennoch in Berlin verankert sind. Entscheidend ist nicht die nationale Zuordnung eines Rezepts, sondern die emotionale Bedeutung, die es für die Menschen hat, die es einbringen. So entsteht ein kulinarischer Dialog, der Vielfalt nicht nivelliert, sondern sichtbar macht.
Kulinarik als Einladung zur Begegnung
Schäfer und das Team betonen, dass die Serie keine Lösung für die komplexen gesellschaftlichen Diskussionen rund um den Heimatbegriff liefern kann und will. Vielmehr verstehen sie „Wir kochen Heimat“ als pragmatischen Zugang zu der Frage, was Heimat sein kann, wenn man sie nicht als Grundlage von Entfremdung, sondern als Einladung zur Begegnung begreift. Essen wird dabei zum Medium, das Nähe schafft und Gespräche ermöglicht.
Nobelhart & Schmutzig als kulinarischer Impulsgeber
Seit seiner Eröffnung steht Nobelhart & Schmutzig für eine kompromisslose Fokussierung auf regionale Produkte, handwerkliche Präzision und eine klare Haltung. Mit „Wir kochen Heimat“ erweitert das Restaurant diesen Ansatz um eine emotionale und gesellschaftliche Dimension. Die Serie zeigt, dass Spitzenküche nicht laut oder elitär sein muss, sondern gerade in der Einfachheit ihre größte Stärke entfalten kann.
Wenn ein Gericht Heimat wird
„Wir kochen Heimat“ ist mehr als eine kulinarische Serie. Es ist ein Statement für Offenheit, Erinnerung und Zugehörigkeit in einer Stadt, die sich ständig verändert. Mit der Kohlroulade vom Kalb als Auftakt gelingt Nobelhart & Schmutzig ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass ein vertrauter Geschmack Menschen verbinden kann. Heimat wird hier nicht definiert, sondern erfahrbar gemacht – Bissen für Bissen, Woche für Woche, mitten in Berlin.
Quelle: Die Schneiderei – Atelier für Texte und Konzepte, 27.01.226
Titelbild: Caroline Prange