Verlassene Gebäude, Industriekultur und außergewöhnliche Fotolocation im Oberhharz
Das Werk Tanne bei Clausthal-Zellerfeld im Harz ist ein ehemaliges Sprengstoffwerk, das heute als historischer Lost Place und einzigartige Fotolocation Besucher in seinen außergewöhnlichen Bann zieht. Wir konnten uns bei unserer Besichtigung Anfang März 2026 selbst ein Bild von dieser besonderen Atmosphäre machen. Zwischen überwucherten Betonresten, historischen Industrieanlagen und dichter Natur gilt es, einen einzigartigen Ort zu entdecken, der Geschichte, Atmosphäre und Fotomotive auf besondere Weise miteinander verbindet.
Ein verborgener Lost Place im Oberharz
Es gibt Orte im Harz, die man besucht und schnell wieder vergisst. Und dann gibt es das Werk Tanne bei Clausthal-Zellerfeld. Eingebettet in die Wälder des Oberharzes entfaltet dieses Gelände eine besondere Faszination. Wer die Wälder rund um Clausthal-Zellerfeld erkundet, ahnt oft nicht, welche Vergangenheit sich hinter den Bäumen verbirgt. Erst nach und nach tauchen verwitterte Mauern, überwachsene Fundamentreste und technische Überbleibsel auf, die von einem einst bedeutenden Industriestandort zeugen.
Gerade diese versteckte Lage macht den besonderen Reiz des Geländes aus. Anders als viele bekannte Sehenswürdigkeiten im Harz zeigt sich das ehemalige Werk nicht auf den ersten Blick. Hinter jeder Wegbiegung warten neue Eindrücke – mal überwachsene Fundamente, mal überraschend gut erhaltene Bauwerke oder Spuren der früheren Infrastruktur.
Wenn Natur auf Industrie trifft
Viele der Überreste liegen heute verborgen zwischen Bäumen, Farnen und Moosen. Die Natur hat sich große Teile des Areals zurückerobert und schafft eine Kulisse, die zugleich faszinierend und geheimnisvoll wirkt. Erst auf den zweiten Blick werden die Dimensionen dieses einstigen Industriestandorts sichtbar.
Zwischen überwachsenen Wegen, Betonresten und alten Anlagen entsteht eine Atmosphäre, wie man sie nur selten im Oberharz findet. Diese Verbindung aus Waldlandschaft und Industriearchitektur macht den Ort zu einem besonderen Ziel für Entdecker, Fotografen und historisch Interessierte.
Eine außergewöhnliche Fotolocation im Harz
Kaum eine Fotolocation im Harz verbindet verlassene Gebäude, überwachsene Industrieanlagen und dichte Waldlandschaften so eindrucksvoll wie das Werk Tanne. Für Fotografen eröffnet sich hier eine außergewöhnliche Kulisse, in der verwitterter Beton, Natur und historische Strukturen starke Bildmotive schaffen.
Besonders in den frühen Morgenstunden entstehen einzigartige Aufnahmen. Nebelschwaden ziehen zwischen den Bäumen hindurch, Lichtstrahlen brechen durch das Blätterdach und verleihen den Relikten eine beinahe mystische Wirkung. Im Herbst sorgen intensive Farben für starke Kontraste, während Schnee und Eis im Winter eine völlig neue Stimmung erzeugen. Auch Detailaufnahmen bieten unzählige Möglichkeiten: überwachsene Mauern, zerfallende Betonflächen und technische Überreste erzählen leise von der Vergangenheit dieses Ortes. Für Liebhaber der Lost-Place-Fotografie gehört das Gelände zu den spannendsten Fotospots im Oberharz.
„Werk Tanne“ als Teil der NS-Rüstungspolitik
Die Geschichte des Werkes ist eng mit der Rüstungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands verbunden. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 begann eine umfassende Aufrüstung, die die Grundlage für die späteren Kriegspläne bildete.
Bereits ab 1933 wurde im waldreichen Gebiet bei Clausthal-Zellerfeld der Bau einer Sprengstofffabrik vorbereitet. Die abgelegene Lage bot ideale Bedingungen für Tarnung und militärische Nutzung. Die Anlage mit dem Decknamen „Werk Tanne“ wurde nach ihrer Fertigstellung zunächst stillgelegt und später im Zuge der Kriegsvorbereitungen reaktiviert. Ab 1939 lief die Produktion von TNT, das in großem Umfang für Munition eingesetzt wurde.
Arbeit, Zwangsarbeit und Alltag im Werk
Die Errichtung des Werkes fiel in eine Zeit wirtschaftlicher Not, in der der Bau zunächst Arbeitsplätze schuf. Mit der fortschreitenden Aufrüstung reichten lokale Arbeitskräfte jedoch nicht mehr aus. Arbeiter aus dem gesamten Deutschen Reich sowie aus Österreich wurden verpflichtet und nach Clausthal-Zellerfeld gebracht.
Mit dem Kriegsausbruch und insbesondere nach dem Angriff auf die Sowjetunion verschärfte sich die Situation weiter. Zunehmend wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten Osteuropas eingesetzt. Sie arbeiteten unter extrem belastenden Bedingungen in der Produktion und Abfüllung von Sprengstoff. Viele von ihnen überlebten diese Zeit nicht.
Das Explosionsunglück am 6. Juni 1940
Ein zentrales Ereignis der Standortgeschichte ist das schwere Explosionsunglück vom 6. Juni 1940. Durch Überlastung und technische Probleme kam es zur Detonation mehrerer Kessel, wodurch große Teile der Anlage zerstört wurden. Die Druckwelle war weit über das Werksgelände hinaus spürbar und richtete auch in der Umgebung erhebliche Schäden an. Das Unglück forderte 61 Todesopfer sowie zahlreiche Verletzte. Zeitzeugenberichte schildern die enorme Zerstörungskraft der Explosion und die katastrophalen Folgen für die Beschäftigten.
Die damalige Presse berichtete zunächst nicht oder nur verzerrt über das Ereignis. In der öffentlichen Darstellung wurde das Geschehen als „Betriebsunglück“ verharmlost und propagandistisch überhöht. Die Opfer wurden im Sinne der NS-Ideologie instrumentalisiert und als „für Deutschland“ gestorben dargestellt. Auch Mitglieder der Betriebsfeuerwehr waren unter den Opfern, darunter Adolf Gleichmann, der beim Versuch, eine Ausweitung der Katastrophe zu verhindern, ums Leben kam. Zeitgenössische Berichte seiner Familie zeigen die persönliche Tragik hinter den offiziellen Darstellungen.
Bio-Sanierung im Gelände: Pflanzenkläranlage als Teil der Altlastenreinigung
Das gesamte Gelände ist noch immer mit Altlasten der Rüstungsindustrie kontaminiert. Das Werk Tanne zählt zu den bekanntesten belasteten Rüstungsstandorten in Deutschland. Durch Produktion und Explosionen wurde der Boden großflächig verunreinigt. Schadstoffe gelangten ins Grundwasser und bedrohen bis heute die umliegenden Oberharzer Gewässer.
Das ehemalige Sprengstoffwerk „Werk Tanne“ bei Clausthal-Zellerfeld war im Zweiten Weltkrieg eine der größten TNT-Fabriken Deutschlands. Umweltbelastungen wirken bis heute nach: Die hochgiftigen Produktionsabwässer wurden damals über eine Fernleitung nach Petershütte (Osterode am Harz) geleitet und dort in sogenannte Schluckbrunnen verpresst, was das Grundwasser langfristig belastete.
Zwischen 1942 und 1945 wurden schätzungsweise bis zu 540.000 m³ stark saurer, TNT-haltiger Abwässer in die Karst-Schluckbrunnen bei Petershütte eingeleitet. Die Abbauprodukte von TNT sowie Schwermetalle belasten das Grundwasser bis heute, weshalb aufwendige Sanierungs- und Überwachungsmaßnahmen notwendig sind.
Zwischenzeitlich ist das Gelände ein wichtiger Forschungsstandort für biologische Sanierungsverfahren durch Mikroorganismen und Pilze. Heute betreibt das Land Niedersachsen auf dem Gelände eine der größten Pflanzenkläranlagen Europas. In diesem naturbasierten Verfahren reinigen Schilf, Bodenfilter und Mikroorganismen belastetes Wasser von TNT-Rückständen und anderen sprengstofftypischen Verbindungen.
Das Wasser wird in mehreren Stufen biologisch gereinigt: Zunächst erfolgt eine Vorreinigung durch Sonnenlicht, anschließend bauen Mikroorganismen in den Wurzelzonen der Schilfpflanzen die Schadstoffe weiter ab. Das Verfahren gilt als stabil, wartungsarm und effizient. Die Anlage ist Teil der laufenden Sanierung und kann im Rahmen geführter Touren besichtigt werden. So wird die Bio-Sanierung vor Ort erlebbar und zeigt anschaulich, wie natürliche Prozesse zur Reinigung ehemaliger Industrieflächen erfolgreich genutzt werden können.
Geführte Touren durch Werk Tanne
Da sich das Gelände auf Privatgrund befindet und zudem historische Altlasten vorhanden sind, ist eine eigenständige Besichtigung nicht erlaubt. Wer Werk Tanne erleben möchte, sollte dies im Rahmen einer geführten Tour tun.
Besonders empfehlenswert sind die Rundgänge von Hansjörg Hörseljau oder Fried hart Knolle, die sich beide seit Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Werks beschäftigen. Durch Zeitzeugenberichte, historische Recherchen und fundiertes Wissen geben sie eindrucksvolle Einblicke in die Entstehung der Anlage, die Kriegsjahre, den Luftangriff auf Clausthal-Zellerfeld sowie die Entwicklungen nach 1945.
Während des rund vier Kilometer langen Rundwegs stellen sie zahlreiche Bereiche des ehemaligen Werks vor und erklären die Geschichte anhand der noch vorhandenen Überreste anschaulich.
Ein einzigartiges Zeitzeugnis im Harz
Mehr als acht Jahrzehnte nach Kriegsende ist das ehemalige Werk noch immer ein Ort, an dem Vergangenheit sichtbar bleibt. Neben den Ruinen erinnern auch Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen daran, dass die Geschichte hier nicht abgeschlossen ist.
Gerade dieser Blick auf verschiedene Zeitebenen macht den Ort so besonders. Zwischen Wald, Industriearchitektur und historischen Spuren entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen fasziniert und nachdenklich stimmt. Werk Tanne zeigt eindrucksvoll, wie eng Natur, Technik und Geschichte miteinander verwoben sein können.
Hotels und Unterkünfte in der Nähe des Werkes Tanne
Wer die faszinierende Geschichte des Werkes Tanne intensiv erkunden möchte, findet rund um Clausthal-Zellerfeld zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Die Bergstadt im Oberharz eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für eine Entdeckungstour zu diesem außergewöhnlichen Lost Place. Von familiengeführten Hotels über gemütliche Pensionen bis hin zu modernen Ferienwohnungen reicht das Angebot für Besucher, die mehrere Tage in der Region verbringen möchten.
Besonders beliebt sind das Harzhotel Zum Prinzen, der Zellerfelder Hof, das Hotel Zum Harzer sowie das traditionsreiche Hotel Goldene Krone im Zentrum von Clausthal-Zellerfeld. Sie bieten eine gute Anbindung an die historischen Stätten des Oberharzes und liegen nur wenige Fahrminuten vom ehemaligen Werk Tanne entfernt. Auch die Harz-Urlaubs-Alm in Buntenbock erfreut sich bei Wanderern und Naturfreunden großer Beliebtheit.
Wer seinen Aufenthalt mit weiteren Sehenswürdigkeiten verbinden möchte, findet in Clausthal-Zellerfeld den idealen Ausgangspunkt für Ausflüge zum Oberharzer Wasserregal, zum UNESCO-Welterbe Rammelsberg, nach Goslar oder zu den zahlreichen Wanderwegen des Harzer-Hexen-Stiegs. Weitere Hotelempfehlungen, Unterkünfte und Ausflugstipps für den gesamten Harz bietet der Harz-Hotelguide.
Quelle: Redaktion
Autor und Bilder: Frank Baranowski, sofern nicht anders angegeben