Polte-Werk Duderstadt

Auf der Suche nach Geschichtsspuren

Das Polte-Werk, eine Rüstungsfabrik der Luftwaffe, blieb nach dem Krieg nahezu unzerstört. Nur die Sprengstoffbereiche ließen die Alliierten sprengen. Die Hallen der reinen Metallverarbeitung blieben für eine Nachkriegsnutzung erhalten und überstanden die Zeit bis heute. Allerdings stehen die Gebäude teilweise leer und werden notdürftig vor dem vollständigen Verfall geschützt. Der obere Teil der ehemaligen Rüstungsfabrik wird von der Bundeswehr genutzt und ist Sperrgebiet.

Der untere Teil der alten Fabrikanlage ist von außen frei zugänglich. Die Backsteingebäude mit ihren Original-Nummern lassen ein Gefühl für das für eine Kleinstadt gigantische Ausmaß die Fabrik aufkommen. Die originalbelassenen Bereiche sind Zeugnis der NS-Architektur und zugleich Denkmal sowie Erinnerungsstätte. Besucher können den Ort frei erkunden. Ein Betreten der Gebäude ist nicht gestattet.

Der Aufbau des Polte-Werkes Duderstadt

Im Frühsommer 1938 trat der Magdeburger Rüstungskonzern Polte, wahrscheinlich auf Initiative des Reichsluftfahrtministeriums, an die Stadt Duderstadt mit dem Ansinnen heran, auf dem „Euzenberg“ auf Staatskosten ein Zweigwerk für Luftwaffen-Munition auf die Beine zu stellen. Bereits im Spätsommer 1939 begannen die Bauarbeiten, doch schnell zeigte sich ein Mangel an Arbeitskräften. Um den stetig steigenden Bedarf zu decken, griff die Bauleitung ab März 1940 erstmals auf ausländische Arbeitskräfte, die sich zunächst noch freiwillig zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich meldeten, zurück. Im Dezember 1940 waren es 500, zumeist Italiener, Franzosen, Polen und einige Spanier. Für ihre Unterbringung stellte Polte zunächst acht Holzbaracken direkt vor dem im Aufbau befindlichen Werk auf. Im Herbst 1941 nahm das Werk die Produktion von 2-cm-Munition für die Luftwaffe auf.

Arbeitskräftemangel und Rüstungsproduktion

Die Einberufung zur Wehrmacht verschärften die Arbeitskräftesituation zusehends. Trotz ideologischer Bedenken ersetzte das Werk wegfallende Arbeitskräfte durch deutsche Frauen. Dennoch ließen sich die Werkbänke nicht ausreichend besetzen, so dass nach und nach weitere Zwangsarbeiter die Belegschaft ergänzten. Von November 1941 bis Mai 1942 zählten ca. 200 französische, serbische und kroatische Frauen zur Belegschaft. Der einseitigen Ernährung und der schweren körperlichen Arbeit geschuldet, kehrten viele von ihnen nach nur wenigen Monaten Aufenthalt in ihre Heimat zurück. Im August 1942 ergänzten bis zu 200 zwangsrekrutierte „Ostarbeiterinnen“ die Belegschaft.

Die Frauen fanden Unterkunft in einer leerstehenden und mit Stacheldraht umzäunten Baracke des Wohnlagers „Am Euzenberg“. Den Frauen war es nur gestattet, das Lager mit Genehmigung zu verlassen. Wachen führten sie in geschlossenen Kolonnen.
Dem Widerstand der einheimischen Bevölkerung zum Trotze setzte sich Polte im Juli 1942 mit seiner Forderung durch, auf dem Gelände des Fußballspielplatzes „Am Westerborn“ ein Fremdarbeiter- und Kriegsgefangenenlager hochzuziehen. Mit der Fertigstellung löste der Rüstungsproduzent das vor den Fabriktoren befindliche Wohnlager „Am Euzenberg“ auf und verlegte die Insassen in das neue, mit Stacheldraht umzäunte und streng bewachte Lager. Dort waren bis zu 800 Zwangsarbeiter/rinnen und Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalität beherbergt.

Polte-Werk Duderstadt und sein Außenkommando

Anfang 1944 konnte der bei Polte permanent bestehende Arbeitskräftemangel nicht mehr durch die Zuführung von weiteren ausländischen Arbeitskräften decken. Daher entschloss sich die Magdeburger Konzernleitung im Sommer 1944, auch im Duderstädter Werk Häftlinge zu beschäftigen. Bereits in der Vergangenheit griff der Rüstungskonzern mit Erfolg auf weibliche KZ-Häftlinge aus Konzentrationslagern zurück. Einen ersten Hinweis auf das geplante Duderstädter KZ-Außenkommando findet sich im Oktober 1944 in den Akten der Stadtverwaltung. Am 24. Oktober reichte Polte Duderstadt den Bauantrag für „die Errichtung eines Zaunes um das KZ-Außenlager“ beim Bauamt ein. In der Folge ließ Polte zwei Unterkunftsbaracken mit Waschraum, in unmittelbarer Nähe des Rüstungsbetriebes auf dem Gelände der ehemaligen Möbelfabrik Steinhoff (heute Dachdeckerfirma Koch), aufstellen.

Am 04.11.1944 trafen 750 ungarische Jüdinnen mit Güterwaggons in Duderstadt ein. SS-Aufseherinnen brachten die KZ-Arbeiterinnen, die zwischen dem 6. Mai und 1. Juli 1944 in das Frauenlager Auschwitz-Birkenau deportieren wurden, in das in einfachster Bauweise errichtete Steinhoff-Lager. Um das Lager vor Blicken zu schützen, war dies zur Straßenseite verbrettert. Das Duderstädter Außenkommando, bestehend aus 13 bis 14 Wachposten der SS und 18 Aufseherinnen aus Duderstadt und der näheren Umgebung, erstattete dem Stammlager Buchenwald täglich Bericht. Die KZ-Frauen, durchgehend bewacht von den Aufseherinnen, standen in allen Bereichen an den Werkbänken im Rüstungsbetriebes. Anfang März 1945 kam die Produktion von Munition fast vollständig zum Erliegen. Am 4. März 1945 waren lediglich 35 der 750 Frauen und am 11. März nur noch 16 Häftlinge im Werk beschäftigt. Mitte März 1945 rechnete die SS die bis dahin erbrachten Leistungen ab. Offenbar sollte das Lager um den 18. März 1945 aufgelöst werden.

Vermutlich standen keine hinreichenden Transportkapazitäten zur Verfügung. Als sich die amerikanischen Truppen dem Harz näherten, transportierte die SS die KZ-Häftlinge am 5. April 1945 in einer ‚Blitzaktion‘ mit Bussen und Lkws nach Seesen. Vor dem Weitertransport mit der Bahn in Richtung Dessau verbrachten die Frauen die Nacht in einer Scheune. Von Seesen aus ging es mit der Bahn in geschlossenen Waggons, die die Frauen gar nicht oder nur kurzfristig verlassen durften, in Richtung Theresienstadt weiter. Die dreiwöchige Irrfahrt führte über Magdeburg, Dessau, Wolfen, Leipzig und Dresden. Am 21. April 1945 erreichten die völlig entkräfteten und ausgehungerten Frauen Lobositz, wo sie Tiefflieger angriffen. Eine unbekannte Zahl der Frauen kam dabei ums Leben. Am 26. April 1945 trafen die Duderstädter KZ-Häftlinge in Theresienstadt ein.

Am 9. Mai befreite die Rote Armee das Lager, das bereits am 2. Mai 1945 das Internationale Roten Kreuz übernahm. Nach ihrer Befreiung kehrten die Überlebenden ab Mitte Juni 1945 teils in ihre Heimat nach Ungarn zurück oder warteten auf ihre Ausreise in andere Länder.

Quelle und Bildquelle: Redaktion, Frank Baranowski

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